Montagabend, kurz vor 23 Uhr. Die Mitgliederversammlung ist gerade zu Ende, im E‑Mail-Postfach kommen schon wieder neue Anfragen an, in mehreren Messenger-Gruppen aus den Abteilungen wird lebhaft diskutiert. Und das Programm für den nächsten Morgen steht auch schon: Protokoll schreiben, Förderanträge vorbereiten, Trainings- und Hallenzeiten koordinieren und dann noch den gestern aufgeploppten Streit zwischen zwei Jugendtrainern wegen der Kraftraumnutzung schlichten…
So oder ähnlich sieht heute der Alltag vieler Vereinsvorstände aus. Immer begleitet von der Sisyphos-Frage: „Wie soll das alles gehen, was sollen wir denn noch alles tun?“ Eigentlich wollen wir doch „nur“ Menschen zusammenzubringen, Sport zu ermöglichen und den Verein und den inneren Zusammenhalt weiterentwickeln.
Damit ist auch schon der Bogen gespannt zur Demokratietrainer/innen-Ausbildung von TEAM Sport-Bayern. Hier geht es um den Kern des organisierten Sports, um die Menschen, die ihn gestalten, um demokratische Werte und die Voraussetzungen für ein Miteinander – in und um den Sport herum. Die Ausbildungsmodule drehen sich dabei jeweils um konkrete Lösungen für aktuelle Herausforderungen im Vereins- und Verbandsalltag, immer nach dem TSB-Grundsatz: Aus der Praxis. Für die Praxis.
Abschlussarbeit mit Mehrwert für werteorientierte Vereinsführung
Der Fokus liegt dabei nicht allein auf dem sportlichen Alltag in Training und Wettkampf, sondern auch auf den Rahmenbedingungen, die konstitutiv sind für Vereins- und Verbandsarbeit im Ehren- und Hauptamt. Klaus Weidinger, Geschäftsführer des Post-Sportvereins München, hat dazu im Rahmen seiner Abschlussarbeit ein anspruchsvolles Projekt realisiert. Der Titel: „VereinsOS 2030 – KI-unterstützte Systeme für mehr Demokratie in der Vereins- oder Verbandsarbeit.“ Oder anders ausgedrückt: „Planung, Entwicklung und Umsetzung eines KI-unterstützten All-in-One Systems.“
Das klingt komplex – und ist es auch. Allerdings nur vordergründig. Denn hinter „VereinsOS 2030“ steht die Konzeption einer möglichst einfach verständlichen digitalen Plattform, mit dem Ziel, Verwaltungsaufgaben zu vereinfachen, Kommunikation zu bündeln und Mitglieder stärker in Entscheidungsprozesse einzubinden. Und das alles mit Hilfe von KI.
Mehr Zeit und Ressourcen für die eigentlichen Aufgaben gewinnen
„Es geht um mehr als eine Software, um ein Transformationsprojekt, das Technologie, Organisation und Kultur des Sportvereins neu aufeinander abstimmt“, stellt Klaus Weidinger fest. Dabei stehe nicht die Technik im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Verantwortliche im Verein wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe gewinnen können – nämlich für das Zusammenführen von Menschen durch Sport und erlebte Gemeinschaft.
Dazu gehört, dass demokratische Teilhabe im Sportverein nicht erst auf der Mitgliederversammlung beginnt (und dort auch wieder endet). Sie entsteht überall dort, wo Informationen transparent fließen, Entscheidungen nachvollziehbar sind und Mitglieder unkompliziert die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Um mehr Beteiligung durch weniger Verwaltungsaufwand zu ermöglichen, nutzt „VereinsOS 2030“ Künstliche Intelligenz als Unterstützung für den Menschen – nicht als Ersatz für menschliche Entscheidungen.
Lösungen für drängende Probleme der Vereinsführung
Weidinger zeigt in seiner Arbeit auf, dass eine integrierte, KI-unterstützte Plattform die drei zentralen Krisen des Vereins adressieren kann: Mitgliederschwund, demokratische Legitimationslücken und Überlastung des Ehrenamts. Dazu benennt der Sport- und IT-Experte klare Kernziele des Systems:
- Mitgliederbindung: Reduktion der Fluktuationsrate um mehr als 50 % durch prädiktive Analyse und personalisierte Retention-Kampagnen, die der Abwanderung entgegensteuern sollen.
- Demokratische Partizipation: Etablierung von “Mikro-Mitbestimmung” mit mehr als 30 % Beteiligungsquote durch barrierefreie digitale Abstimmungen
- Administrative Effizienz: Entlastung des Vorstands um mehr als 60 % durch Automatisierung wiederkehrender Prozesse
- Inklusion: Garantierte Teilhabe unabhängig von Alter, technischer Kompetenz oder Behinderung durch adaptive Assistenzsoftware
„Die VereinsOS 2030-Konzeption vereint dabei drei Perspektiven: eine nutzerzentrierte UX-Strategie mit evidenzbasierten Personas, eine skalierbare Microservices-Architektur mit Event-Driven Design, und ein wissenschaftlich fundiertes Change-Management-Modell für die organisatorische Integration“, erläutert Weidinger.
KI Assistenz – professionelle Hilfe für die Vereinsarbeit in Mannschaftsstärke
Alle Designentscheidungen, so der erfahrene Sportvereins-Geschäftsführer, seien auf die Entscheidungslogik eines Vereinspräsidiums zugeschnitten: nachvollziehbar, priorisiert und ROI-orientiert. Ein wichtiger Mitarbeitender (oder genauer gesagt ein ganzer Mitarbeitenden-Stab) in der operativen Vereinsarbeit ist der von Klaus Weidinger entwickelte KI-Assistent: „Der ‚VereinGPT‘ repräsentiert die nächste Evolutionsstufe der Vereinskommunikation. Im Gegensatz zu regelbasierten Chatbots nutzt das System Agentic AI — es kann eigenständig komplexe Aufgaben planen, Daten aus verschiedenen Quellen abrufen und kontextbewusst entscheiden. Der Chat-Verlauf zeigt eine exemplarische Interaktion: Der Nutzer fragt nach einem Trainingsplan, der Assistent analysiert die aktuellen Mannschaftsdaten und generiert einen individualisierten, periodisierten Plan“, so Weidinger.
Ob und wie „VereinsOS 2030“ die Vereinsführung erleichtern kann, macht die Abschlussarbeit an vier kritischen Erfolgsfaktoren fest:
- Top-Down-Unterstützung: Das Präsidium muss die Transformation aktiv vorleben
- Quick Wins: In den ersten 30 Tagen muss jeder Nutzer einen konkreten Nutzen erleben
- Menschlicher Support: Technologie allein reicht nicht — es braucht Ansprechpartner, die Vertrauen schaffen
- Iteration statt Perfektion: Besser eine gute Lösung schnell implementiert als eine perfekte, die nie kommt
Demokratie und Digitalisierung gehen im Sport Hand in Hand
Die Abschlussarbeit von Klaus Weidinger zeigt eindrucksvoll, dass Demokratie und Digitalisierung kein Widerspruch sind. Im Gegenteil: Richtig eingesetzt kann Technologie wie „VereinsOS 2030“ dazu beitragen, Menschen wieder stärker in den Mittelpunkt des Vereinslebens zu rücken. Insbesondere auch die, die Verantwortung übernehmen und damit dem Sport, dem Verein und dem Vereinsleben innere Struktur und demokratischen Zusammenhalt geben. Und das nicht als Sisyphos-Aufgabe, sondern als freudvolles, sinnstiftendes Tun für den Sport und die Menschen.
